Theatrales Philosophieren – das Philosophieren auf anderen Wegen

Das Verfahren

Beim theatralen Philosophieren entstehen performative Körperbilder, um die Bedeutung eines philosophischen Textes auszudrücken. Dazu interpretieren Philosophierende einen Text, indem sie zum einen seine Argumentationsmuster diskursiv rekonstruieren. Zum anderen gestalten sie mit Hilfe unterschiedlicher Gestaltungstechniken treffende präsentativ-theatrale Ausdrucksformen - beispielsweise indem sie in Improvisationen möglichst angemessene Standbilder oder Szenen erarbeiten, die seine Beutung angemessen darstellen. Der Arbeitsprozess, der zu solchen Ergebnissen führt, besteht aus vier Phasen (Argumentations-, Vorbereitungs-, Erprobungs- und Reflexionsphase), die sowohl das diskursiv-argumentative als auch das präsentativ-leibliche Ausdrucksvermögen der Beteiligten ansprechen. Im Rahmen eines Projekts werden diese Arbeitsphasen wiederholt durchlaufen. Ein Projekt beim theatralen Philosophierens endet mit der Präsentation einer Performance. Beim theatralen Philosophieren wird diese Performance nicht als einzig möglicher theatral-präsentativer Ausdruck der Bedeutung des philosophischen Textes betrachtet. Arbeitsprozesse an dem selben philosophischen Text führen vielmehr mit unterschiedlichen Gruppen zu ganz unterschiedlichen Deutungen.


Die Didaktik

Im Rahmen einer Didaktik theatralen Philosophierensgeht es darum, die leiblich-kreative Ausdruckskraft in das Philosophieren spielerisch einzubeziehen, um Schüler im Philosophieunterricht nicht nur zum „schale[n] Hinterherdenken“ hinter einer dominanten Lesart des Lehrers, sondern mit ihrer ganzen geistigen Ausdruckskraft in das philosophische Denken als „Abenteuer der Erkenntnis“ (Sloterdijk) zu involvieren . Dieses „Abenteuer“ entsteht dadurch, dass sich Schüler (und Lehrer) im aktuellen Weiterdenken eines philosophischen Textes riskieren. Indem nämlich Schüler und Lehrer je von Neuem nach einem angemessenen präsentativ-theatralen Ausdruck für die Bedeutung des Textes suchen, gestalten sie gemeinsam einen Texteröffnungsprozess, der nicht die Rekonstruktion des bereits anfangs vorhandenen fachphilosophischen Lehrerwissens durch die Schüler in den Mittelpunkt stellt, sondern ein Abenteuer im kreativen Denken darstellt: Denn auch wenn der Lehrer zu Beginn die Thesen und Argumente eines philosophischen Textes als fachphilosophisch sozialisierter Leser zu kennen glaubt, so weiß er doch zu diesem Zeitpunkt in der konkreten Bildungssituation nicht, welche theatral-präsentative Bedeutungsgestalt (d.h. welche konkrete szenische Form) er im Verlauf des Arbeitsprozesses annehmen wird. Dieser Prozess lässt sich also beim theatralen Philosophieren jenseits der (Denk-)Routine gestalten. Hier realisiert sich in einer Bildungssituation – zumindest potenziell – die Haltung des forschenden Weiterdenkens, des Philosophierens am Text.